Clemens Ottnad: Maks Dannecker, Fotografie / Objekt. Stuttgart, 2021

Maks Dannecker
Fotografie / Objekt

Folgt der Betrachter dem Ausstellungs-Parcours, den die Fotografin und Fotokünstlerin Maks Dannecker hier im BT 24 als kleinen Ausschnitt ihres Werkes inszeniert hat, wird schnell deutlich, dass wir mit den eigenen herkömmlichen Vorstellungen von Fotografie nicht so richtig weiterkommen. Beinahe zu übersehen der Auftakt des Rundganges: weiß über weiß montierte Tafeln, auf Sockeln dann miniaturische Modelle, die farbiges Licht eingeschlossen haben, weiter mit schemenhaften Motiven sowie übernatürlich farbgesättigten Wolkenbergbildern in Reihe, bis zuletzt nächtliche Architekturen wieder ganz ins Schwarz versinken, allenfalls durch fluoreszierende Kunststoffstäbe punktuell durchleuchtet. Nichts also mit der exakten dokumentarischen Wiedergabe der sichtbaren Wirklichkeit, dem präzisen Abbild von Natur und Mensch und der ihn umgebenden Welt, von der wir doch – mit dem allzeit gezückten Smartphone und anderen Schnappschuss-automaten in Händen – nur allzu gern selbst Gebrauch zu machen pflegen.

Maks Dannecker ist es vielmehr um das Sehen selbst zu tun; statt um das vermeintlich Sichtbare vielmehr um eine Art Wahrnehmungsphysiologie im eigentlichen Sinn, statt um scheinbar Wirkliches eher um Wirkungen an sich. Lichtwirkungen und Bildwirkungen nämlich, wie sie sich der ausgebildeten und erfahrenen Fotografin allein schon aus professionell technischer Sicht und aufgrund einer versierten Materialkunde ergeben. Was für die experimentelle Lichtforscherin und schier investigative Werkstoffforscherin eine Selbstverständlichkeit des angewandten Mediums (der Fotografie) darstellt, bleibt auf den ersten Blick für uns rätselhaft, mysteriös, vielleicht auf Anhieb unzugänglich und schwer verständlich.
Allein schon die von der Künstlerin vergebenen Titeleien und Technikangaben ihrer sogenannten Monochrome, Histogramme oder Lomografien weisen auf die formale Technizität des hier Gezeigten hin, die geheimnisreiche Anziehung, die sie auf uns Betrachtende ausüben, steht auf einem anderen Blatt. Vorausgesetzt also, wir begegnen dieser ausgeprägten Innovationsgabe Maks Danneckers auf dem Gebiet der Fotografie mit ebensolcher Neugierde anhand unserer eigenen visuellen Wahrnehmung, dann sind der Entdeckerlust keinerlei mehr Grenzen gesetzt.

Monochrome / Weiß ist nicht gleich Weiß. Den anschaulichen Beweis dafür liefert Maks Dannecker mit einem ihrer Monochrome in der Ausstellung, ein besonderes Beispiel ihrer technisch ausgefeilten Werkstoffkunde. Bei verschiedenen Herstellern und Anbietern recherchiert sie die diversen Beschaffenheiten von Fotopapieren und deren Anteil an optischen Aufhellern, auch OBA Optical Brightening Agents genannt, i.e. chemische Weißtöner bzw. fluoreszierende Substanzen, die zur Steigerung des Weißegrades dienen. Im Format versetzt übereinander montiert, mit verschiedenen Oberflächenqualitäten versehen – glänzend oder matt – und damit auch unterschiedliche Haptiken erzeugend, mit variierenden Veredelungen (Acrylglas u.a.) weiterverarbeitet entsteht eine Fotografie ohne Abbild, ein Bild ohne Motiv.
Nicht umsonst mag man angesichts derart radikal konkreter Bildfindungen – besser Bildfunden oder Bildbefunden – in kunsthistorischen Traditionen verharrend beispielsweise an Kasimir Malewitschs vor über 100 Jahren (1915) in St. Petersburg erstmals ausgestelltes Schwarzes Quadrat denken, von dem er sagte: „Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld […] Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“

Histogramme / Der unmittelbaren Empfindung der Gegenstandslosigkeit begegnen wir auch in der Auseinandersetzung mit Maks Danneckers Histogrammen. Materialproben gleich aus fluoreszierendem Acrylglas, Gips und Holz können diese – hier auf Sockel gestellt – als exemplarische Modelle für die Realisierung von skulpturalen Objekten, ganzer Wandgestaltungen oder anderer Kunst-am-Bau-Projekte im großen Maßstab weitergedacht werden.
Die Histogramm-Anzeige ist jedem Anwender etwas anspruchsvollerer Digitalkameras hinlänglich vertraut und gibt gewöhnlich Auskunft über die genaue Verteilung von Helligkeitswerten einer fotografischen Aufnahme. Was für die professionelle Fotografin ein alltägliches und wie beiläufig genutztes Werkzeug darstellt, muss dem amateurhaften Laien dagegen wie eine datenüberladene Zauberformel erscheinen. Kann sie anhand abstrakter Kanalwerte, Balken- und Kurvendiagramme die Belichtung – den „absoluten Weißpunkt“ – der Aufnahme eines bestimmten Gegenstandes, einer Landschaft oder von Figuren steuern, bleibt uns nur technisch obskurer Zahlensalat, da wir das zugrunde liegende Motiv daraus nicht zu entschlüsseln vermögen.
Auch hier machen sich also komplexe Übersetzungsschritte bemerkbar, die die Künstlerin anwendet: die (sichtbaren) Dinge werden – mit den Mitteln der Fotografie – (abstrakte) Daten, die (im Diagramm zweidimensionalen) Daten werden zu dreidimensionalen, körperhaften Dingen (der Modelle), diese fassbaren Dinge (Glas, Wandsegment, Architekturen) wiederum sind umgekehrt nur Materialisierungen von letztlich immateriellen Lichtphänomenen. Unwillkürlich denkt man daran, wie Maks Dannecker so auch in einigen ihrer Ausstellungstitel „contemporary alchemists“ – Alchemisten unserer Tage – heraufbeschwört, ihr anverwandte Verwandlungskünstler also, die auf geheimnisvolle Weise aus alltäglich verfügbaren Grundstoffen (hier: das Licht) unschätzbare Kostbarkeiten (da: die Fotoarbeiten der Künstlerin) zu erschaffen verstehen.

Lomografien / Ganz und gar nicht alchemistisch mutet dagegen die Reihe der gezeigten (digitalen) Lomografien – allen voran die der Alpenlomos – an. Auch hier wechselt Maks Dannecker behände die Seiten: bewusst greift die professionelle Fotografin auf die Vorgehensweise und künstlerische Praxis der Lomografie zurück, die seit jeher mit den Vorurteilen eines eher amateurischen Tuns behaftet ist.
Bekannt wurde die sogenannte Lomografie seit den 1990-er durch die Verwendung z.B. russischer oder tschechischer Spielzeugkameras mit all den ihnen anhaftenden Mängeln (einfachste Bauart mit einer Optik aus Plastik, keine oder wenige Einstellungsmodi, verzerrte Farbwiedergabe etc.pp.). Aus dem Handgelenk geschüttelte Zufallsschnappschüsse, weitreichende Unschärfe-Momente, verwackelte Aufnahmen mit starken Vignettierungen zu den Bildrändern hin – und andere gezielt in Kauf genommene bzw. herbeigeführte Unvollkommenheiten der Bildfindung – stellten das gemeingängige Credo der Lomografen dar (unter ihnen übrigens jede Menge Profi-Fotografinnen und Fotografen). Diese eigentümliche Entwicklung mag als Gegenreaktion zum technischen Overkill moderner Digitalkameras und der Möglichkeiten aktueller Bildbearbeitungsmethoden verstanden werden. Inzwischen wird die Lomografie allerdings als eigene Kunstrichtung im Bereich der künstlerischen Fotografie angesehen.
Im absoluten Gegensatz zum Vorgenannten müssen nun jedoch die Lomografien von Maks Dannecker wirken. Wie von Geisterhand inszeniert, so gar nicht zufällig und absichtslos türmen sich Wolken- und Alpenberge auf, ja, scheinen sich in ihrer Wirkmächtigkeit gegenseitig übertrumpfen zu wollen. Wenn deren Farbigkeit schon nicht natürlich erscheinen möchte, so leuchtet sie doch nachgerade übernatürlich aus ihren Bildgefachen heraus. Wolken und Berge, Himmel und Erde, Licht und Schatten treiben hier ihr so ganz eigenes Spiel, abseits aller Fakes und Fake News, in denen der Mensch eine höchstens marginale Nebenrolle einnimmt, auch wenn – und gerade weil – er die Zerstörung der Natur und allen Natürlichen an erster Stelle mit verantwortet. Natur und Kunst, Künstlichkeit und Natürlichkeit sind an dieser Stelle unauflösbar miteinander verknüpft.

Bereits seit den 1880-er Jahren wollten sich zahlreiche Fotografen denn auch genauso als bildende Künstlerinnen und Künstler verstanden wissen wie es Maler, Bildhauer oder Zeichner ganz selbstverständlich taten. In der Folge entwickelte sich der Dualismus zwischen dem sogenannten Piktorialismus und der unter dem Begriff der Straight Photography bekannt gewordenen Strömung. Während die Kunstfotografie um 1900 also in Anlehnung an die Malerei des Impressionismus oder des Symbolismus mit technisch aufwendigen Experimenten und händisch vorgenommenen Manipulationen der Oberflächen von Negativen und Positiven umging, setzte die sogenannte Reine Fotografie (Straight Photography) im Zuge modernistischer Tendenzen, wie denen des Bauhauses oder der Neuen Sachlichkeit, auf detailgetreue Wiedergabe konkreter Gegenstände und Personen, mit dem Augenmerk auf korrekte Bildschärfe, Ausleuchtung u.ä..
Wurden so spätestens seit den 1940-er Jahren ebenjene Piktorialisten von der übrigen zeitgenössischen Fotografen- und Fotokünstler-Szene als hoffnungslos altmodisch apostrophiert, erscheinen sie in der heutigen Wahrnehmung hingegen längst schon wieder rehabilitiert. Retuschierten die Älteren von Beiden noch von Hand die Wolken aus ihren Negativen, um sie durch ihnen stimmungsvoller erscheinende zu komplementieren, vertrauten die Jüngeren darauf, dass die fotografisch just in diesem einen Augenblick aufgezeichneten Wolken – um mit Hermann Wilhelm Vogel (1834–1898, Chemiker und Fotowissenschaftler) zu sprechen – ebenso die „Seele der Landschaft“ erfassen, wie dies die Augenpaare portraitierter Menschen unverwechselbar zu tun vermögen und daher in keinem Falle zu verändern seien.

Insoweit kann Maks Dannecker mit Fug und Recht gewissermaßen als durch und durch zeitgemäße Piktorialistin angesehen werden, die ohne Weiteres den Bogen von modernsten Techniken und Materialien zu individuellen, symbolgeladenen Seelenbildern schlägt, und dabei gleichzeitig nichts weniger als „straight“ ist.

Clemens Ottnad M.A., Kunsthistoriker, Stuttgart
Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg