Dr. Annette Schmidt: Eurem Tauchspiele nur taugte das Gold. Plochingen, 26. April 2018

Eurem Tauchspiele nur taugte das Gold
Für Maks Dannecker

Woglinde: Des Goldes Schmuck schmäh’te er nicht, wüßte er all seine Wunder.
Wellgunde Der Welt Erbe gewänne zu eigen, wer aus dem Rheingold schüfe den Ring, der maaßlose Macht ihm verlieh‘.
Flosshilde Der Vater sagt‘ es, und uns befahl er, klug zu hüten den klaren Hort, daß kein Falscher der Fluth ihn entführe: drum schweigt, ihr schwatzendes Heer!
Richard Wagner: Das Reingold.

Die Fotografie ist aus unserer Welt nicht weg zu denken. Sie spielt fast in jedem Bereich des Lebens eine Rolle. Sie spricht vom hier und jetzt, zeugt von Vergangenem, ist Medium für Illusion, Wunsch und Sehnsucht, Wissenschaft, Alltag, Kunst, Wirtschaft – überall ist sie anwesend. Und mit ihr diejenigen, die das Zusammenspiel von Licht, Technik und Ästhetik im Dienste und Sinne des Bildes beherrschen. Denn einfach ist, wenn man die Sache mit dem nötigen Ernst betreibt, hier wenig. Ein Bild will komponiert sein. Licht, Schatten, Tiefe, Farbigkeit, Ausschnitt, Atmosphätik, all das spielt mit. All das kann beeinflusst und bestimmt werden. Wie ein guter Wein, der in seiner Vollendung letztlich durch vielerlei Faktoren geformt ist.

Maks Dannecker hat das Handwerk der Fotografie von der Picke auf gelernt. Sie beherrscht das Metier, analog ebenso wie digital. Sie weiß genau, was für sie zu tun ist, wenn ein Kunde ein Bild für einen ganz bestimmten Zweck ordert. Professionell durch und durch, das aber nicht nur auf dem Gebiet der angewandten Fotografie. Seit einigen Jahren widmet sich die Fotografin Arbeiten, mit denen sie eigene Wege geht, in denen sie Dinge auslotet, Fragen nachgeht und Überlegungen visualisiert, denen sie selbst sich stellt. Dass dabei nicht ausschließlich zweidimensionale, gegenständlich geprägte Werke entstehen, ist außergewöhnlich und spannend.

In diesen sogenannten ‚Histogrammen‘ präsentiert Dannecker plastische Arbeiten, in denen sie einen Vorgang zu visualisieren sucht, der ansonsten für den Betrachtenden eines Bildes verborgen bleibt. Ein Vorgang, ein Prozess, der bei der nachträglichen Bearbeitung einer Aufnahme zum Tragen kommt. In der analogen Fotografie war es die Phase des Entwickelns, die Belichtung eines Fotopapiers, die Länge seiner Reaktionszeit mit den Entwicklerflüssigkeiten etc., die es ermöglichten, ein Bild über das reine Abbild hinaus zu beeinflussen, zu pointieren, zu interpretieren. Heute sind es vorrangig Dateien, die mit entsprechenden Bildbearbeitungsprogrammen hierhin und dorthin geändert, intensiviert, bestimmt werden können. Ein wesentliches Element dabei ist die Erarbeitung von Farbwerten. Dannecker legt größten Wert darauf, kontrastreich, konturiert Farbwerte in ihren Bildwelten zu definieren. Ein absoluter Weißpunkt ist ihr dabei von großer Wichtigkeit. Seine Bearbeitung findet digital in einem Schaubild, einem Histogramm statt, in dem alle Grauwerte eines Bildes grafisch dargestellt sind. Ganz rechts der Weißpunkt, ganz links der Schwarzpunkt. Und im Extrem hier sehr wenig dazwischen. Dannecker setzt diese Schaubilder um in dreidimensionale Plastiken. Versucht die Farbgerüste der eigenen Arbeiten über das Farbgemeng der Bilder hinaus sichtbar zu machen. Maßgeblich dafür sind ihr hier die drei Arbeiten zu den Häusern zeitgenössischer Alchemisten, in denen unschwer die extreme Gewichtung von Hell und Dunkel auszumachen ist. Ihre kleinen Skulpturen aus Gips und Acrylglas nehmen die Farbwerte dieser Arbeiten auf. Den Weißpunkt umgesetzt in farbiges Glas, den Verlauf sich ausdehnend bis zur nächsten Platte. So steht das im Digitalen sichtbare Grundgerüst des immateriellen Bildes hier ganz fassbar im Raum. Ist allansichtig, ließe sich auch in umgekehrter Richtung interpretieren. Ein Kondensat. Ein Bild des Bildes. Losgelöst von jedweder gegenständlich beeinflusster Ablenkung.

Die zweidimensionalen Arbeiten der Fotografin befassen sich mit einem urtümlichen und durchaus beeindruckenden Thema. Zu tun hat es mit einer weiteren Profession Danneckers im Edelmetallhandel. Gold, Silber, Platin, Palladium und jedwedes andere Edelmetall in Form von Münzen und Barren werden hier umgesetzt. Es geht um deren steigende und fallende Werte, um An- und Verkauf, um Geld, viel Geld. Kurz, es geht um Schätze. Darum, wie man sie anhäuft, darum wie man sie vermehrt und irgendwie in Folge auch darum, wie man sie versteckt. Archaisch durch und durch und überaus verwandt mit Märchen, Sagen, Mythenwelten, die ohne Schätze nicht auskämen. Bis heute. Wobei es wohl eher die sagenumwobenen Schätze sind, wie jener am Fuße des Regenbogens – der angeblich gefunden, heute im Landesmuseum Württemberg aufbewahrt wird, Piratenschätze, das Gold Trojas, der berühmte Nibelungenhort. Schätze können sehr verschieden sein und für sich wird sie wohl jeder selbst bestimmen.

Im Arbeitsalltag von Maks Dannecker aber geht es um überaus reale Schätze. Das ist das eine. Das andere sind ihre Arbeiten. Die Serie ‚Pool‘ geht einer Frage nach, die zunächst absurd erscheinen mag, die sich vor diesem Hintergrund dann aber durchaus erklärend darstellt. Was wäre, fragt sie, wenn ein solcher Schatz, ein heutiger, ein tatsächlicher Schatz, versteckt würde zum Beispiel hinter der Verschalung eines Swimmingpools. Sicher wäre er dort, gewiss. Was aber, wenn der Besitzer ihn veräußern wollte oder einfach nur wissen, ob er sich in ordnungsgemäßem Zustand befände? Die Alberiche der Gegenwart sehen sich bei der Suche nach sicheren Orten für Ihre Schätze durchaus mit ähnlichen Fragen konfrontiert, wie jene vergangener Zeiten. Und Dannecker geht dem nach, greift den Faden auf, spinnt ihn weiter. Ihre Bilder evozieren Orte, an denen sich Schätze befinden könnten. Wasser spielt bei jedem von diesen eine Rolle, Architektonisches ebenso, und die Natur; elementar, gebaut, gewachsen. Reduziert in der Farbpalette, verfremdet, unheimlich, entrückt, und trotzdem nicht gänzlich unvertraut. So bannt sie die Magie jener irrationalen Orte, in einem bildnerischen Medium, dass in seiner Urform vor allem einem verpflichtet gewesen ist, der dokumentarischen Abbildung. Was ist hier real, was gehört ins reich der Märchen und Mythen – erfreulicher Weise lässt sich das wohl nicht so ganz eindeutig klären!

Die Entmaterialisierung höchst materieller Tatsachen fasziniert auch in der Bilderreihe ‚Geldscheine‘. Leuchtend Grün, Gelb und Magenta, bieten sich dem Blick Details von Banknoten – 100, 200 und 500 Euroscheine. Nur Details, Ausschnitte, um ein vielfaches vergrößert, präsentiert als Digitaldruck auf Leinwand. Auffallend sind kleine Marken, kleine Stempel auf den Scheinen, die aus dem wertvollen Serienprodukt Unikate machen. Ihre Herkunft ist ebenso absurd, wie funktional. Handelt es sich doch um Kennzeichnungen, mit denen etwa in Wechselstuben, Spielhallen oder anderen Etablissements, in denen größere Summen von Bargeld die Besitzer wechseln, Scheine, ja ganze Konvolute davon einerseits als echt und andererseits als Eigentum gekennzeichnet werden. Im Edelmetallhandel, in dem Bargeld von jeher das einzig reelle Zahlungsmittel darstellte, tauchen sie auf. Werden getauscht in Unvergänglicheres. Danneckers Fotografie macht diese eigenwilligen Wege erahnbar. Von Märchenländern erzählen sie sicherlich nicht, von sagenhaften Reichtümern vermutlich schon – die Fantasie vermögen sie in jedem Fall anzuregen.

Maks Danneckers Arbeiten sind fein beobachtet, hervorragend komponiert, und auf ihre Weise ganz eigene durchdrungen von Poesie.

Dr. Annette Schmidt, 03.04.2018

© Dr. Annette Schmidt: Maks Dannecker „Where contemporary alchemists dwell. Galerie der Stadt Plochingen. 26.04.2018

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